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Substanzprofile

Semax und Selank: Wirkung, Studien und was davon belegt ist

3 Min. Lesezeit

Semax- und Selank-Vials neben den beiden Heptapeptid-Sequenzen mit hervorgehobener Pro-Gly-Pro-Endung

Semax und Selank gehören zu den meistgesuchten Neuropeptiden. Beide stammen aus demselben Moskauer Institut, beide sind in Russland als Nasenpräparate zugelassen, und beide werden international als „Nootropika“ vermarktet. Die Datenlage ist allerdings ungewöhnlich: viele Arbeiten, fast alle aus Russland, kaum unabhängige kontrollierte Studien. Dieser Beitrag erklärt, wie die beiden Peptide aufgebaut sind, was die Forschung zu ihrer Wirkung beschreibt und wie man die Belege einordnet. Er beschreibt Forschung und enthält keine Anwendungs- oder Dosierungshinweise.

Das Wichtigste in Kürze

  • Semax (MEHFPGP) leitet sich vom ACTH-Fragment 4–7 ab, Selank (TKPRPGP) vom Immunpeptid Tuftsin.
  • Beide tragen am Ende die Sequenz Pro-Gly-Pro, die sie vor schnellem Abbau schützt.
  • Für Semax sind vor allem erhöhte BDNF-Spiegel in Tiermodellen beschrieben, für Selank Effekte auf GABA-System und Zytokine.
  • Zugelassen sind beide nur in Russland; in der EU und den USA nicht.

Herkunft: ein Institut, ein Bauprinzip

Semax und Selank entstanden am Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften, Selank in Zusammenarbeit mit dem Sakussow-Institut für Pharmakologie. Das Prinzip ist bei beiden gleich: Ein kurzes, natürlich vorkommendes Peptid mit bekannter Wirkung wird um die drei Aminosäuren Pro-Gly-Pro verlängert. Diese Endung macht das Molekül widerstandsfähiger gegen Peptidasen, die Ketten vom Ende her abbauen.

MerkmalSemaxSelank
SequenzMet-Glu-His-Phe-Pro-Gly-ProThr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro
AusgangspeptidACTH(4–7)Tuftsin
Hormonelle ACTH-WirkungKeineKeine
ForschungsschwerpunktBDNF, NeuroprotektionAngst, Stress, Immunsystem
ZulassungRussland (Nasentropfen)Russland (Nasentropfen)

Wie sich die beiden im Detail unterscheiden, zeigt der Vergleich Semax vs. Selank.

Semax: was die Forschung zeigt

ACTH(4–10) und kürzere Abschnitte fielen schon in den 1970er Jahren auf, weil sie in Tierversuchen Lernverhalten beeinflussten, ohne die Nebenniere anzuregen. Semax wurde daraus als stabilere Variante entwickelt.

  • BDNF: In Ratten stiegen nach Semax die Spiegel des Nervenwachstumsfaktors BDNF und seines Rezeptors TrkB im Hippocampus. Das ist der am häufigsten zitierte Befund.
  • Ischämie-Modelle: In Tiermodellen des Schlaganfalls beschrieben Arbeiten kleinere Schäden und veränderte Genexpression in Entzündungs- und Gefäßgenen.
  • Klinische Daten: Russische Studien bei Schlaganfall und kognitiven Störungen sind meist klein, offen oder schlecht dokumentiert. Große, unabhängige, placebokontrollierte Studien fehlen.

Selank: was die Forschung zeigt

Tuftsin ist ein Tetrapeptid aus einem Antikörperabschnitt, das Fresszellen aktiviert. Selank verlängert es und wurde als angstlösender Wirkstoff ohne die typischen Nebenwirkungen von Benzodiazepinen entwickelt.

  • GABA-System: Arbeiten beschreiben eine Beeinflussung von GABA-A-Rezeptoren und veränderte Expression von Genen der GABA-Signalgebung.
  • Enkephaline: Selank hemmt in Modellen Enzyme, die körpereigene Enkephaline abbauen.
  • Immunsystem: Wie Tuftsin verändert Selank die Bildung von Zytokinen wie IL-6.
  • Klinische Daten: Kleine russische Studien bei Angststörungen berichteten Effekte, die mit einem Benzodiazepin vergleichbar seien. Auch hier fehlen unabhängige Bestätigungen.

Wie belastbar sind die Daten?

Die Literatur zu Semax und Selank ist umfangreich, aber einseitig. Drei Punkte sind wichtig:

  1. Fast alle Studien stammen aus wenigen russischen Arbeitsgruppen, oft mit Beteiligung der Entwickler.
  2. Viele Arbeiten sind nur auf Russisch veröffentlicht und schwer zu prüfen.
  3. Die meisten Belege stammen aus Tiermodellen; die klinischen Studien sind klein und methodisch schwach.

Das heißt nicht, dass die Peptide wirkungslos sind, sondern dass ihre Wirkung am Menschen nicht nach internationalen Standards belegt ist.

Stabilisierte Varianten

Neben den Originalen gibt es Formen mit geschützten Enden: N-Acetyl Semax Amidat und N-Acetyl Selank Amidat. Acetylgruppe und Amid sollen den Abbau weiter verlangsamen. Eigene Studien zu diesen Varianten sind selten, was sie für vergleichende Laborversuche interessant macht. Eine weitere Semax-Variante ist Adamax.

Semax und Selank im Labor

Für Zell- und Tiermodelle werden beide als lyophilisiertes Pulver eingesetzt. Wichtig ist der Identitätsnachweis, weil sich die Massen der Original- und der acetylierten Formen nur wenig unterscheiden. Bei Peptidkauf sind Semax, Selank und die Kombination Semax + Selank als Forschungsreagenzien mit Laborbericht je Charge erhältlich.

Häufige Fragen

Was ist Semax?

Ein synthetisches Heptapeptid aus dem ACTH-Fragment 4–7 mit angehängtem Pro-Gly-Pro. Es wird vor allem zu BDNF und Neuroprotektion untersucht.

Was ist Selank?

Ein synthetisches Heptapeptid, abgeleitet vom Immunpeptid Tuftsin, das in Modellen zu Angst, Stress und Immunbotenstoffen untersucht wird.

Sind Semax und Selank in Deutschland zugelassen?

Nein. Beide sind nur in Russland als Arzneimittel zugelassen.

Was ist der Unterschied zwischen Semax und N-Acetyl Semax?

N-Acetyl Semax Amidat hat dieselbe Sequenz, aber geschützte Enden, die den Abbau verlangsamen sollen. Vergleichende Studien gibt es kaum.

Fazit

Semax und Selank sind elegant konstruierte Peptide mit interessanten Befunden in Tiermodellen, besonders zu BDNF und zum GABA-System. Ihre Wirkung am Menschen ist jedoch nicht nach internationalen Maßstäben belegt. Für die Forschung bleiben sie spannende Werkzeuge, deren Ergebnisse unabhängige Bestätigung brauchen.

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