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Substanzprofile

GLP-1-Agonisten erklärt: von Semaglutid bis Retatrutide

5 Min. Lesezeit

Semaglutid- und Tirzepatid-Vials neben einem Rezeptorprofil von Mono-, Dual- und Triple-Agonisten

Kaum eine Wirkstoffklasse hat die Medizin der letzten Jahre so verändert wie die GLP-1-Agonisten. Ursprünglich gegen Typ-2-Diabetes entwickelt, sind sie heute vor allem als Abnehmspritzen bekannt. Parallel wächst die Forschung an Nachfolgern, die zwei oder drei Hormonrezeptoren gleichzeitig ansprechen. Dieser Beitrag erklärt, was GLP-1 ist, wie die Agonisten wirken, welche Substanzen zugelassen sind und welche noch erforscht werden. Er beschreibt Forschung und Zulassungsstand und enthält keine Anwendungs- oder Dosierungshinweise.

Das Wichtigste in Kürze

  • GLP-1 ist ein Darmhormon, das nach dem Essen die Insulinfreisetzung fördert und den Appetit dämpft. Im Körper wird es in Minuten abgebaut.
  • GLP-1-Agonisten sind stabilisierte Varianten, die Tage wirken. Semaglutid und Tirzepatid sind in der EU zugelassen.
  • Neuere Substanzen kombinieren GLP-1 mit GIP, Glukagon oder Amylin; Retatrutide, Mazdutid und Survodutid sind nicht zugelassen.
  • „GLP-1-Kapseln“ aus Drogerie und Internet enthalten in der Regel keinen GLP-1-Agonisten.

Was ist GLP-1?

GLP-1 steht für Glucagon-like Peptide-1. Es ist ein Peptidhormon aus 30 Aminosäuren, das spezielle Zellen der Darmwand nach einer Mahlzeit ausschütten. GLP-1 gehört zu den Inkretinen, Darmhormonen, die die Insulinantwort auf eine Mahlzeit verstärken. Das zweite wichtige Inkretin ist GIP.

GLP-1 wirkt an mehreren Stellen:

  • Bauchspeicheldrüse: fördert die Insulinfreisetzung, aber nur bei erhöhtem Blutzucker, und hemmt Glukagon.
  • Magen: verlangsamt die Magenentleerung.
  • Gehirn: verstärkt das Sättigungsgefühl.

Das natürliche Hormon hat einen Haken: Das Enzym DPP-4 baut es innerhalb weniger Minuten ab. Für einen Wirkstoff ist das viel zu kurz.

Wie wirken GLP-1-Agonisten?

GLP-1-Agonisten sind veränderte Peptide, die am GLP-1-Rezeptor dieselbe Wirkung auslösen wie das natürliche Hormon, aber viel länger im Körper bleiben. Dazu werden einzelne Aminosäuren ausgetauscht, damit DPP-4 sie nicht mehr spalten kann, und eine Fettsäure angehängt, die an das Bluteiweiß Albumin bindet. Semaglutid etwa bleibt so rund eine Woche im Kreislauf.

Weil der Rezeptor dauerhaft aktiviert wird, sind die Effekte stärker als beim natürlichen Hormon, vor allem die Wirkung auf den Appetit. Daher kommt die Gewichtsabnahme, die diese Klasse bekannt gemacht hat.

Die Generationen im Überblick

WirkstoffRezeptorenStatus in der EU (2026)
LiraglutidGLP-1Zugelassen (Diabetes, Adipositas)
SemaglutidGLP-1Zugelassen (Diabetes, Adipositas); auch als Tablette
TirzepatidGIP + GLP-1Zugelassen (Diabetes, Adipositas)
MazdutidGLP-1 + GlukagonIn der EU nicht zugelassen
SurvodutidGLP-1 + GlukagonNicht zugelassen, Phase 3
RetatrutideGIP + GLP-1 + GlukagonNicht zugelassen, Phase 3
CagrilintidAmylin (in Kombination mit Semaglutid untersucht)Nicht zugelassen
OrforglipronGLP-1 (kleines Molekül, kein Peptid)In der EU nicht zugelassen

Erste Generation: reine GLP-1-Agonisten

Exenatid, ursprünglich aus dem Speichel einer Echse gewonnen, war 2005 der erste Wirkstoff der Klasse. Es folgten Liraglutid und Semaglutid. In der Studie STEP 1 verloren Erwachsene mit Adipositas unter Semaglutid nach 68 Wochen im Mittel rund 15 Prozent ihres Körpergewichts, unter Placebo rund 2 Prozent.

Zweite Generation: GIP und GLP-1

Tirzepatid aktiviert zusätzlich den GIP-Rezeptor. In der Studie SURMOUNT-1 lag die mittlere Gewichtsabnahme in der höchsten Dosisgruppe nach 72 Wochen bei rund 21 Prozent. Einen Vergleich der Substanzen bietet Tirzepatid vs. Semaglutid.

Dritte Generation: Glukagon und Amylin

Die neuesten Kandidaten nehmen den Glukagon-Rezeptor hinzu, der in Modellen den Energieverbrauch und den Fettabbau in der Leber erhöht. Mazdutid und Survodutid kombinieren GLP-1 und Glukagon, Retatrutide alle drei Rezeptoren. Mehr dazu im Beitrag Retatrutide: Wirkmechanismus, Studien und Zulassungsstand. Ein anderer Ansatz ist Amylin, ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse; das Analogon Cagrilintid wird in Kombination mit Semaglutid untersucht.

Tabletten statt Spritzen: Orforglipron

Peptide werden im Magen verdaut, deshalb werden die meisten GLP-1-Agonisten gespritzt. Für Semaglutid gibt es eine Tablette mit einem Hilfsstoff, der die Aufnahme verbessert. Orforglipron geht einen anderen Weg: Es ist kein Peptid, sondern ein kleines Molekül, das den GLP-1-Rezeptor aktiviert und als Tablette eingenommen werden kann.

Was ist mit „GLP-1-Kapseln“?

Unter Begriffen wie „GLP-1-Kapseln“ oder „GLP-1 Booster“ werden Nahrungsergänzungsmittel verkauft, etwa mit Pflanzenextrakten oder Ballaststoffen. Sie enthalten in der Regel keinen GLP-1-Agonisten und sind mit den zugelassenen Arzneimitteln nicht vergleichbar. Einige Inhaltsstoffe sollen die körpereigene GLP-1-Freisetzung anregen; belastbare Belege für eine relevante Wirkung fehlen meist.

Nebenwirkungen der Wirkstoffklasse

Die häufigsten Nebenwirkungen sind bei allen GLP-1-basierten Wirkstoffen ähnlich: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, vor allem zu Beginn und bei Dosissteigerungen. Seltener sind Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Gallensteine. Weil die Wirkstoffe den Appetit stark senken, geht ein Teil der Gewichtsabnahme auf Muskelmasse zurück, was die Forschung intensiv untersucht. Zugelassene GLP-1-Agonisten sind verschreibungspflichtig und gehören in ärztliche Betreuung.

GLP-1-Analoga in der Forschung

Für die Grundlagenforschung sind GLP-1-Analoga wichtige Werkzeuge, etwa um Rezeptorsignalwege, die Rolle des Gehirns bei der Appetitregulation oder Effekte auf Leber und Gefäße in Zell- und Tiermodellen zu untersuchen. Weil die Substanzen sich chemisch ähneln und im Handel häufig verwechselt werden, ist ein Identitätsnachweis per Massenspektrometrie entscheidend. Bei Peptidkauf sind Semaglutid, Tirzepatid, Retatrutide, Mazdutid und Survodutid als Forschungsreagenzien mit Laborbericht je Charge erhältlich, ausschließlich für Laborversuche.

Häufige Fragen zu GLP-1

Was ist GLP-1?

Ein Darmhormon, das nach dem Essen die Insulinfreisetzung fördert, die Magenentleerung verlangsamt und den Appetit dämpft.

Was ist ein GLP-1-Agonist?

Ein stabilisiertes Peptid oder Molekül, das den GLP-1-Rezeptor aktiviert und deutlich länger wirkt als das natürliche Hormon.

Welche GLP-1-Agonisten sind zugelassen?

In der EU unter anderem Liraglutid, Semaglutid und Tirzepatid. Retatrutide, Survodutid und Cagrilintid sind nicht zugelassen.

Was ist der Unterschied zwischen GLP-1 und GLP-3?

GLP-3 ist kein Hormon, sondern ein Handelsname für Retatrutide, das neben GLP-1 auch die GIP- und Glukagon-Rezeptoren aktiviert.

Wirken GLP-1-Kapseln aus der Drogerie?

Diese Produkte enthalten in der Regel keinen GLP-1-Agonisten. Ihre Wirkung ist mit zugelassenen Arzneimitteln nicht vergleichbar.

Fazit

GLP-1-Agonisten haben sich von einem Diabetesmedikament zu einer der wichtigsten Wirkstoffklassen entwickelt. Die Forschung geht inzwischen über GLP-1 hinaus und kombiniert mehrere Hormone in einem Molekül. Zugelassen sind davon bisher nur wenige; die neuesten Substanzen befinden sich noch in Studien. Wer die Begriffe auseinanderhält, versteht schneller, welche Zahlen aus welchen Studien stammen und was sie bedeuten.

Quellen

  1. Wilding JPH et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1). N Engl J Med 2021
  2. Jastreboff AM et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1). N Engl J Med 2022

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